Anna Gavalda über "Ein geschenkter Tag"

2001 hatte ich gerade mein Buch Ich habe sie geliebt beendet, als der Buchclub France Loisirs bei mir eine Geschichte bestellte, die er seinen treuen Lesern zum Geschenk machen wollte. Ich war komplett ausgelaugt, hatte nach der Abgabe des Manuskripts den baby blues und stimmte die typischen Klagelieder eines Autors an, der über den Verlust seiner Figuren jammert. So beschloss ich, meine Stimmung aufzuheitern und rasch etwas zu schreiben, in leichter Kleidung auf einem schnellen Pferdchen zu reiten.

Ich schrieb also diese überraschende Landpartie. Ein glücklicher, zärtlicher, geräuschvoller Tag in Gesellschaft von Brüdern und Schwestern, die ihrer Kindheit Adieu sagen. Mit Gekicher und Flüchen im Auto, einer Menge Neckereien, mit Hundeflöhen, gekühlten Flaschen Sancerre und guter Musik von Anfang bis Ende (von Dario Moreno über Michael Jackson und Gilbert Bécaud bis zu Kathleen Ferrier, eine makellose Auswahl). Ich gab meine Geschichte ab, die treuen Mitglieder des Buchclubs bekamen ihr Weihnachtsgeschenk, und ich wandte mich anderen Träumen zu.

Aber seitdem gibt es jedesmal wenn ich meine Leser treffe, jemanden, der mich fragt, WANN ich endlich diese verflixte Geschichte wieder veröffentlichen werde. WANN ? »Tja«, sage ich ausweichend, »vielleicht eines Tages …« Mehr versprach ich nie. Ich fürchtete, wenn man aus einem bereits vorliegenden alten Buch ein neues machen würde, wäre das wie alter Wein in neuen Schläuchen. Sie verstehen sicher, was ich meine … diese Art von Scham … Aber letztes Jahr hatte ich viele Lesungen – denn Alles Glück verpflichtet - in französischen Buchhandlungen von Lille über Vannes und Aubervilliers bis nach Toulouse, und die Frage kam jedesmal und überall. Und durch das Internet waren die seltenen Exemplare meiner Geschichte nun extrem teuer geworden, es gab absurde Gewinnerwartungen, meine Nachbarin wollte mir mein Buch nicht mehr zurückgeben und überhaupt …

Beim Endspurt dieses Lesereisen-Marathons führte ich ein allerletztes Gespräch in einer Bücherei, und da saß hinten, von mir aus gesehen links - ich erinnere mich deutlich - eine Frau, die bisher nichts gesagt und keine Frage gestellt hatte. Als das Geräusch von Stühlen, die über den Boden schrammten, ankündigte, dass der Abend nun zu Ende war, hob sie den Finger wie in der Schule. Sie sah mir geradewegs in die Augen, nahm mich ins Visier und erteilte mir behutsam, aber unnachgiebig den Befehl, die glückverheißenden Geschwister zu befreien. Denn nein, das seien nicht sie, es passe ganz und gar nicht zu ihnen, eingesperrt zu sein, abgesondert, nur für wenige erreichbar, unnahbar, abgeschieden. Auf Distanz gehalten. Fern. Und so versprach ich es und fragte sie nach ihrem Vornamen.

Ich kehrte nach Hause zurück, die Zeit verging, das Versprechen geriet in Vergessenheit. Und dann, neulich, borgte ich mir das Exemplar von meiner Nachbarin. Ich las es erneut und kicherte in mich hinein, ich hatte all diese Albernheiten ganz vergessen, ich hatte alles vergessen. Ich nahm mir den Text noch einmal vor und überarbeitete ihn, ähnlich wie man ein Gemälde restauriert: die Leinwand nachziehen, hier und da einen Farbtupfer hinzufügen, das Spiel von Licht und Schatten verstärken. Ich wählte ein Titelbild für das Buch und ich schrieb diesen Text für den erhobenen Finger.

Für Françoise. Françoise aus Montpellier. Damit sie weiß, dass ich sie nicht vergessen habe.