Wieviel von Ihnen steckt in Charles, Anouk und Kate?

Ein Interview mit Anna Gavalda
Geführt von François Bourboulon für Télérama, März ’08

Wenn Sie schreiben, welche Bedingungen schaffen Sie sich dann? Wo und wann, mit welchen Hilfsmitteln, in welcher Atmosphäre, mit welcher Musik?
Ich setze mich hin, wenn die Kinder im Bett sind, ich arbeite auf einem Laptop und in einer verqualmten Atmosphäre (aber zum letzten Mal, das habe ich meiner Lunge versprochen). Ich höre Musik und drehe immer lauter auf, damit ich wachbleibe, und wenn Michael Jackson brüllt: Just beat it, beat it, gebe ich auf. Dann ist es in der Regel drei Uhr morgens.

Zwischen Zusammen ist man weniger allein und Alles Glück kommt nie liegen vier Jahre. Womit haben Sie sich in dieser Zeit beschäftigt?
Ich habe dieses Buch verdaut, an seiner Veröffentlichung in einigen anderen Ländern mitgearbeitet, mich auf Alles Glück kommt nie vorbereitet (Recherchen etc.), mir gesagt, dass es nie fertig würde, den Moment hinausgeschoben, in dem ich das Manuskript zum letzten Mal lesen sollte, ich habe hundert Mal über meinen Beruf nachgedacht, den Text poliert, selbst dabei noch abgenommen und meinen Schlafrhythmus über den Haufen geworfen.

Wie würden Sie Ihr neues Buch zusammenfassen? Eine Geschichte über Menschen, die unglücklich sind und glücklich werden?
Es ist das Leben eines Mannes in einem Zeitraum von etwas über einem Jahr, unter dem Mikroskop betrachtet. Oder vielmehr sein Elektroenzephalogramm, die Spannungsschwankungen dessen, was noch ein bisschen in ihm zuckt.

Ihr Protagonist ist ein Mann von sechsundvierzig Jahren, der das Verlangen hat, endlich wieder einmal durchzuatmen. Wie ist es Ihnen gelungen, sich so gut in ihn einzufühlen?
Er hat sich in mich eingefühlt, denn ich bin sehr durchlässig. Ich bin in den Stimmbruch gekommen und musste mich jeden Morgen rasieren…

Eine banale Frage: Wieviel von Ihnen steckt in Charles, Anouk und Kate?
Alles. Und gar nichts. Die drei sind wie ein Kaleidoskop, durch das ich mich selber sehe: Wie Charles entwerfe ich immer Projekte, wie Anouk habe ich Schwindelgefühle und wie Kate glaube ich, dass in einer Welt, die uns dazu zwingen will, die Arme eng an den Körper zu drücken, die einzige Möglichkeit darin besteht, sie so weit wie möglich auszubreiten. Als sie sich zum ersten Mal trennen, bittet Kate Charles, in New York in eine bestimmte Buchhandlung zu gehen: »Holen Sie tief Luft und denken Sie dabei an mich.« Das ist schön – aber was soll es bedeuten? Seit wann muss etwas Schönes etwas bedeuten?

»Alles ist eine Geschichte, Charles. Absolut alles und für alle. Man findet nur nie jemanden, der sie hören will«, schreiben Sie. Sie jedenfalls haben Menschen gefunden, die Ihre Geschichten hören (und sogar lesen) wollen. Sie haben zahlreiche Leser, und die haben einen völlig unterschiedlichen Background. Wie ist da so eine Übereinstimmung möglich?
Ich weiß es nicht. Vielleicht, gerade weil ich ihnen Geschichten erzähle… Gestern, als ich Widmungen schrieb, hat eine Dame zu mir gesagt:
– Anna, Sie wissen doch, warum Sie weiterschreiben müssen?
– Äh … nein …
– Weil jetzt das Rentenalter heraufgesetzt worden ist und ich Sie für die Metrofahrten brauche …
Also … das ist die Übereinstimmung: um die Menschen die neuen Gesetze vergessen zu lassen …

Man hat Sie schon in anderen Interviews über das elfte Kapitel im letzten Teil des Buches befragt, wo Sie das Glück darstellen und wie es sich beschreiben lässt. Hier scheinen Sie mehrere Botschaften zu versenden – an die Leser, an die Kritiker, vielleicht auch an die, die Ihnen nahestehen. Warum dieses Kapitel?
Ich sende niemals Botschaften, niemandem. Nicht mal meinen Kindern. Stattdessen versuche ich ein Beispiel zu geben. In diesem Fall bestand es darin, Bockspringen über vorgefasste Vorstellungen und Formulierungen zu machen. Dieses Kapitel war eine Art, meinen Lesern zu sagen: Nehmen wir Anlauf und los geht’s! Wir werden vielleicht auf die Nase fallen – aber wir haben es wenigstens versucht …

Sie sagen, dass großzügige Menschen ein gutes Romanpersonal abgeben. Warum?
Weil das Leben amüsanter ist, wenn man solche Menschen kennt. Ich spreche natürlich von einer Großzügigkeit im Geist, von Menschen, die über den Tellerrand blicken und die Welt nicht als Punchingball betrachten.

Als Kate wieder Geschmack am Leben findet, als sie ihre ersten Ferien in dem Dorf verbringt, wo sie später leben wird, sagt sie: »Ich lese wieder Bücher, die traurige, aber erfundene Geschichten erzählen.« Worin liegt Ihrer Meinung nach die grundlegende Bedeutung von Büchern?
Meine Meinung deckt sich mit der von Kate: wieder Geschmack am Leben zu finden. Es zumindest nie aus den Augen zu verlieren …

Welche Bücher sind immer um Sie? Können Sie drei grundlegende Bücher empfehlen, die jeder lesen sollte, unabhängig von seinem Alter und seinem Hintergund?
Das einzige Buch, das ich immer um mich habe, ist das Synonymwörterbuch von Henri Bertaud du Chazaud, dem ich auf der letzten Seite von Alles Glück kommt nie danke. Ich glaube nicht an »grundlegende« Bücher, das einzig Grundlegende ist die intellektuelle Neugier. Es ist nicht so wichtig, ob man die neueste Ausgabe eines Motocross-Magazins kauft oder die Bekenntnisse des heiligen Augustinus. Das Grundlegende ist, dass man sich von Zeit zu Zeit in die Einsamkeit zurückzieht und anders daraus hervorgeht.

Als Sie Französischlehrerin waren, haben Sie Ihren Schülern Geschichten vom kleinen Nick vorgelesen. Welches ist Ihre Lieblingsgeschichte und was bedeutet Goscinny für Sie?
Ich habe keine Lieblingsgeschichte, und Goscinny steht für mich … ganz oben. Zerstreuung mit Eleganz, arbeiten wie ein Hund, ohne dass es jemals einer mitbekommt, viel Wertschätzung für seine Leser haben und sich selbst nicht allzu ernst nehmen. So war er. Und er ist im übrigen sehr früh daran gestorben…

Sie hatten gerade zwei lange Veranstaltungen und haben Ihre Bücher signiert. Wie gehen Sie diese Aufgabe an, diese Begegnungen mit den Lesern, die sehr intim und gleichzeitig sehr künstlich sind?
Sie sind leider nicht besonders intim, aber überhaupt nicht künstlich. Die Leute sind nicht dumm, sie würden sich nicht vier oder fünf Stunden anstellen, wenn es am Ende der Schlange etwas Künstliches gäbe. Für sie ist es wichtig, mich daran zu erinnern, dass meine Arbeit ihnen im Leben hilft, und für mich ist es beruhigend, das zu hören. Es gibt nichts Einsameres als das Leben eines Schriftstellers, und diese Menschen erinnern mich daran, dass ich eben doch nicht ganz allein mit Michael Jackson war …

Die Leidenschaft, die Sie wecken – ich spreche ausschließlich von der Ihrer Leser –, freuen Sie sich darüber oder macht sie Sie verlegen?
Sie macht mich dermaßen verlegen, dass ich mich von ihr befreien muss. Es ist eine Frage des künstlerischen Überlebens für mich. Das mag pathetisch klingen, aber ich weiß,wovon ich spreche. Es kommt mir vor wie der Sturz von einem Pferd: Man fühlt sich ganz zerschlagen. Entweder mache ich mich sofort wieder an die Arbeit oder ich veröffentliche in den kommenden zehn Jahren nichts. Das einzige,was mich beunruhigt, sind die Metrofahrten der Dame, die ich eben zitiert habe…
Ich möchte ihr gern weiterhin Geschichten erzählen, aber nach meiner Tournee durch die Buchhandlungen und durch die Länder, wo ich versprochen habe, mich zur Schau zu stellen, werde ich mich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen.

Aus dem Französischen von Larissa Rabe